Schulreform: Handeln statt warten
Ab dem 7. Juni können alle Hamburgerinnen und Hamburger über die Schulreform entscheiden. Diese Entscheidung wird weit über Hamburgs Grenzen die Weichen für die Schulpolitik in Deutschland stellen. Information und Wahrhaftigkeit sind im jetzt beginnenden Wahlkampf unverzichtbar. Darum stand es bisher nicht zum Besten.
Wahrhaftigkeit beginnt damit, dass die 184.500 Unterzeichner der Initiative „Wir wollen lernen“ ernst genommen werden. Der Vergleich zu anderen Volksbegehren zeigt: Auch bei dieser Volksinitiative wurden Unterschriften weder „gekauft“ noch mit falschen Argumenten erschlichen. Viele Unterzeichner sorgen sich, ob der gewaltige Umbau des Schulsystems Erfolg bringen kann. Vielleicht haben sie folgende Fragen:
Frage 1: Macht gemeinsames Lernen schlauer? Die ehrliche Antwort: Nicht automatisch. Aber sehr wohl, wenn es mit einem besseren Unterricht verbunden ist. Genau dafür aber hat die SPD jetzt die Weichen gestellt: Die SPD hat nachträglich kleinere Klassen, mehr Lehrer, Fortbildungskurse und regelmäßige Qualitätsüberwachung der Primarschule im Schulgesetz durchgesetzt. So kann gemeinsames Lernen in der Tat ein Erfolg werden.
Frage 2: Ist das nicht alles viel zu schnell? Die ehrliche Antwort: Mehr Zeit wäre besser. Dennoch: Die SPD hat jetzt einen Stufenplan durchgesetzt: Die Reform kann um ein Jahr verschoben werden, wenn ein schulisches Gremium Bedenken hat. Und auch 2011 können alle Eltern selbst entscheiden, ob ihr Kind erstmals in die fünfte Klasse der Primarschulen oder wie bisher in eine weiterführende Schule wechselt.
Frage 3: Wer garantiert, dass die Verbesserungen auch klappen? Die ehrliche Antwort: Absolute Garantien gibt es nicht. Aber durch die von der SPD durchgesetzten Nachbesserungen wurde besser vorgesorgt als bei vielen anderen Reformen: Es werden sehr viel mehr Lehrer eingestellt. Eltern können erstmals in Deutschland kleine Klassen vor Gericht einklagen. Alle beteiligten Primarschulen durchlaufen vorher den Schul-TÜV. Und ein Sonderausschuss der Bürgerschaft wird alle Maßnahmen überwachen
Frage 4: Kostet das alles nicht wahnwitzig viel Geld? Die ehrliche Antwort: Ja. Und es wäre viel besser gewesen, wenn die Schulbehörde hier von Anfang an mit offenen Karten gespielt hätte. Aber wir hinterlassen unseren Kindern keineswegs nur neue Schulden, sondern auch neue Chancen. Wirtschaftsinstitute jeder politischen Farbe sind sich einig: Investitionen in die Bildung zahlen sich aus. Dem Schuldenberg wird auch ein Chancenberg gegenüberstehen.
Frage 5: Werden die weiterführenden Schulen nicht beschädigt? Die ehrliche Antwort: Ja. Der Verlust der Klassen 5 und 6 wird das Schulangebot schmälern. Es wird Mühe kosten, neue Konzepte zu entwickeln. Schulwechsel und Probejahr in der Pubertät sind schwer. Immerhin besteht die Chance, dass die Primarschulen - leichter als die Grundschulen – eigene Profile entwickeln. Dennoch: Die weiterführenden Schulen werden es schwerer haben. Hier ist die Behörde gefordert, Konzepte zu entwickeln und die auch von der Behörde mit geschürten Rivalitäten zu beenden.
Frage 6: Wären andere Reformen nicht erfolgreicher? Die ehrliche Antwort: Die SPD hatte andere Reformen geplant. Und ich selbst glaube, dass es einfachere Wege zum Erfolg in der Schulpolitik gibt. Aber für die jetzt vorgelegten Reformen gibt es eine politische Mehrheit. Diese Reform kann beginnen. Und nur diese. Alle anderen Ideen haben eine klaren Nachteil: Keiner weiß, wann und ob sie überhaupt kommen.
Eine leistungsstärkere Schule ist dringend notwendig: Mehr als ein Viertel der 15jährigen Schüler können so schlecht lesen, schreiben und rechnen wie Kinder der vierten Klasse. Ein Jahr später verlassen sie chancenlos die Schule – jährlich 3.500 Menschen! Also: Lasst uns handeln – wir haben lange genug gewartet.
